Lorem Ipsum ...

Mittwoch, 26. März 2014, 19 Uhr

«Ilse Stöbe: Wieder im Amt. Eine Widerstandskämpferin in der Wilhelmstraße»
Sabine Kebir und Hans Coppi stellen ihr 2013 erschienenes Buch vor

« … das stolze Überlegenheitsgefühl der Jugend—und natürlich stand vorn im Licht immer Gerda Rohr—war … schön wie die Schönheit der Lieblingskönigin, hinter deren Thron schon der Scharfrichter steht.» Theodor Wolff, Chef des Berliner Tageblatts, schrieb im französischen Exil einen Roman über seine Sekretärin Ilse Stöbe. Die Journalistin arbeitete in Polen und 1940 im Auswärtigem Amt. Sie informierte über den bevorstehenden Überfall auf die Sowjetunion. Ihr Name fehlt auf der Gedenktafel für ermordete Gegner des NS-Regimes im Auswärtigen Amt. Hans Coppi beschreibt unter Nutzung neuer Quellen ihr Leben. Sabine Kebir befasst sich mit Stöbes Bild bei Zeitgenossen und in beiden deutschen Staaten.

Das Abendlied (Singende Mädchen), 1912

Das Abendlied (Singende Mädchen), 1912

Das Abendlied (Singende Mädchen), 1912 &#9654

Das Abendlied (Singende Mädchen), 1912; Öl/Leinwand, 131 x 166 cm, Museum Weißenfels

Mit diesem Bild beendete Lingner gewissermaßen sein Studium der Malerei an der Dresdner Kunstakademie. Es entstand während eines Studienaufenthaltes in Brodowin, einem märkischen Dorf nordöstlich von Berlin, und zeigt «singende Mädchen in dem farbigen Vierklang grün, schwarz, rot und kobaltblau.» Lingner bekam für das Gemälde nicht nur reichlich Anerkennung – er wurde mit dem Sächsischen Staatspreis ausgezeichnet -, sondern fand darin auch Motiv und Komposition für sein zukünftiges Werk: Die Darstellung von singenden und tanzenden Frauengruppen sowie von Figuren, die aus dem Bild heraus auf den Betrachter zukommen.

Illustration zu «Marseille ist kein Hafen» – von Hermann Burkhardt, um 1954, Tusche, 15 × 20,5 cm, Max-Lingner-Stiftung

Illustration zu «Marseille ist kein Hafen» – von Hermann Burkhard
Illustration zu «Marseille ist kein Hafen»
von Hermann Burkhardt, um 1954
Tusche, 15 × 20,5 cm, Max-Lingner-Stiftung

In den 1950er Jahren schuf Lingner erneut Illustrationen für literarische Werke. Nachdem er bereits 1929 das Märchen vom «Fischer und seiner Frau» sowie 1930 Henri Barbusses «Le chevrier» (Der Ziegenhirt) illustriert und 1936/37 während seiner Tätigkeit als Pressezeichner für die Zeitung l‘Humanitè «Die Königin Margot» von Alexandre Dumas als Fortsetzungsroman zeichnerisch begleitet hatte, erschienen in der DDR ab 1955 mehrere Bücher mit Illustrationen des Künstlers: «Marseille ist kein Hafen» und «Der Eiffelturm bleibt in Paris» von Hermann Burkhardt, «Nacht über Paris» von Paul Tillard und «Russische Meistererzählungen».

Berliner Wandbild, Skizze zur ersten Fassung, (Ausschnitt), um 1950

Berliner Wandbild, Skizze zur ersten Fassung, (Ausschnitt), um 1950
Berliner Wandbild, Skizze zur 1. Fassung, (Ausschnitt), um 1950
Wasser- und Deckfarben, 15,5 × 64 cm, Max-Lingner-Stiftung

Dank seiner Erfahrung bei der Gestaltung von Großdekorationen für die Humanité-Pressefeste in Paris, gewann Lingner 1950 die Ausschreibung für ein Wandbild am Haus der Ministerien in Berlin. Doch durch die Formalismus-Diskussionen jener Jahre mußte der Künstler seinen Entwurf sechs Mal überarbeiten, bevor DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl mit dem Ergebnis zufrieden war. Dieses wurde auf 3 × 24 Meter vergrößert, auf Meißner Kacheln übertragen und in der Pfeilerhalle an der Leipziger Straße angebracht, wo es bis heute «in narrativen Einzelbildern das Idealbild einer neuen Gesellschaft» zeigt. (Monika Flacke, Auftragskunst der DDR 1949-1990, 1995, S. 65)

Weintraubenverkäuferinnen, 1949

Weintraubenverkäuferinnen, 1949
Weintraubenverkäuferinnen, 1949
Weintraubenverkäuferinnen, 1949, Tempera, 129 × 177cm, Max-Lingner-Stiftung,

Diese unvollendet gebliebene erste Version der «Weintraubenverkäuferinnen» hat Lingner noch in Paris entworfen, und 1949 in Berlin ausgeführt. Mit diesem Werk nahm er Abschied von Frankreich, feierte ein letztes Mal «die Frauen seines Gastlandes: Die vier Französinnen verkörpern alles das, was sie ihm so anziehend gemacht haben: Schönheit und jugendliche Frische, Witz und Schlagfertigkeit, weiche hingebungsvolle Weiblichkeit und stolz abwartende Zurückhaltung.» (Willi Geismeier, Max Lingner, 1968, S. 72) Die zweite, vollständig ausgearbeitete Fassung des Gemäldes befindet sich seit 1969 in der Sammlung der Nationalgalerie Berlin.

Straße nach Rummelsburg !!, 1958, Gemälde, 63x87 cm, Max-Lingner-Stiftung, Berlin

Straße nach Rummelsburg !!, 1958, Gemälde, 63×87 cm, Max-Lingner-Stiftung, Berlin

Berlin

1949-1950

Lingner entscheidet sich, nach Deutschland zurückzukehren. Im März 1949 übersiedelt er nach Ostberlin, wird Professor für Malerei an der 1947 eröffneten Kunsthochschule Berlin-Weißensee und Gründungsmitglied sowie Sekretär der Sektion Bildende Kunst an der deutschen Akademie der Künste, wo er eine Meisterklasse übernimmt. »Dem deutschen Volk» schenkt Lingner vierzig Gemälde und Zeichnungen aus den Jahren 1929 bis 1949, die in einer Wanderausstellung gezeigt werden. Die ersten Auftragsarbeiten in Ostberlin sind große Festdekorationen für den 1. Mai. Am 12. September 1950 heiratet Lingner die Juristin Dr. Erika Hoffmeier (1914-1997), nachdem seine Ehe mit Lisa Lingner wegen Aufhebung der geistigen Gemeinschaft durch ihren dauernden Aufenthalt in der Psychiatrie geschieden worden ist. (Lisa Lingner stirbt am 18. Juli 1951 in der Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen/Baden.)

1952-1955

Einzug in das Haus in Niederschönhausen … Lingner wird zweimal (1952 und 1955) mit dem Nationalpreis der DDR geehrt. Er arbeitet an einem Bauernkriegsbild, das einen Zyklus zur Geschichte des deutschen Volkes einleiten soll. 1953 wird sein Wandbild am Haus der Ministerien übergeben, zu dessen Ergebnis Lingner durchaus kritisch steht. Die Formalismus-Kampagne trifft ihn als West-Emigranten ganz besonders – von Ministerpräsident Otto Grotewohl ist ihm eine Überarbeitung der zahlreichen Entwürfe und Einzelstudien zugunsten der erwünschten politischen Botschaft des ausgeführten Wandbildes aufgezwungen worden. 1955 veröffentlicht er seine Autobiographie «Mein Leben und meine Arbeit» im Verlag der Kunst, Dresden. Die Gestaltung des Buches übernimmt Max Lingner; Vorworte schreiben Marcel Cachin und Paul Wandel.

1956-1959

Die Arbeiten der letzten Jahre variieren oft Themen, die Lingner sein ganzes Leben begleitet haben. 1958 vollendet er die «Straße nach Rummelsburg», das Gemälde sollte ähnlich seinen Darstellungen der Pariser «Banlieue» eine Folge über die Berliner Arbeiterbezirke einleiten. Mit dem «Volkslied» (ebenfalls 1958) nimmt Lingner noch einmal das Motiv der singenden Mädchen auf, das er bereits 1912 zu seiner Bildkomposition «Abendlied» fügte. 1958 veranstaltet die Akademie der Künste zu Berlin die Ausstellung «Max Lingner 70 Jahre alt», die Alfred Kurella eröffnet. Am 14. März 1959 stirbt Max Lingner in Berlin. Seinem Wunsch gemäß wird er auf dem Friedhof in Berlin-Niederschönhausen, unweit seines Wohnhauses, beigesetzt.

Eingang zum Lager Gurs, 1941

Eingang zum Lager Gurs, 1941
Eingang zum Lager Gurs, 1941
Tusche, 17 × 21 cm, Max-Lingner-Stiftung

Selbst als Lingner Anfang der 1940er Jahre verhaftet wurde und in verschiedenen Lagern interniert war, hat er künstlerisch gearbeitet. Im südfranzösischen Konzentrationslager «Les Milles» zeichnete er u.a. die Stacheldraht-Absperrungen und die Wachhäuser. Im Pyrenäenlager Gurs konnte er Kindern in einer Schuler der «Schweizer Hilfe» Zeichenunterricht erteilen und selbst in einer Serie das Lager sowie das Leben der Gefangenen festhalten. «Jedes dieser Blätter, von ein paar Worten begleitet, die lakonisch feststellen: man hungert, man friert, man wartet; ist von starker emotionaler Wirkung.» (Gertrud Heider, Max Lingner, 1979, S. 132)

Blick von den Meudon-Terrassen auf den Eiffelturm, um 1931, Zeichnung,  16,8x25,7 cm, Max-Lingner-Stiftung, Berlin

Blick von den Meudon-Terrassen auf den Eiffelturm, um 1931, Zeichnung, 16,8×25,7 cm, Max-Lingner-Stiftung, Berlin

Paris

1929

Lingner findet ein kleines Atelier im Quartier Montparnasse. er ist zunächst begeistert von dem Reichtum und der Vielfalt der Kunstszene. In seinen Arbeiten verstärken sich die Einflüsse von Renoir, Matisse, aber auch von Fernand Leger, die er bereits in Weißenfels aufgenommen hat. In Spritztechnik auf dünner Japanseide entstehen Gemälde als Wandbehänge; ferner Entwürfe für illustrierte Bücher. Schon bald jedoch verzweifelt Lingner an der Beliebigkeit und Esoterik der Kunstmoden; Euphorie und Verzweiflung wechseln sich ab.

1930

Nach einer schwierigen Phase der Neuorientierung lernt Lingner in Paris den Schriftsteller Henri Barbusse (1873-1935) kennen, der ihn als Zeichner und Gestalter an seine Wochenzeitung «Monde» holt. Damit beginnt Max Lingners große Karriere als Pressezeichner. Er entdeckt dabei das Leben der Arbeiter in den Vorstädten, der Banlieue von Paris.

1932

Lingner wird Mitglied der in Paris gegründeten Vereinigung revolutionärer Schriftsteller und Künstler. Eine schwere Krankheit seiner Frau (Hirnhautentzündung) belastet sein persönliches Leben. Lisa Lingner ist seit 1931 zeitweise und nach 1935 dauernd in der Psychiatrischen Klinik in Villejuif/Seine untergebracht.

1933

Pierre Vorms zeigt Lingners erste Einzelausstellung in Paris in der von ihm geleiteten Galerie Billiet.

1934

Lingner wird Mitglied der Französischen Kommunistischen Partei.

1935-1936

Nach dem Tod von Henri Barbusse – am 30. August 1935 in Moskau – muss die «Monde» ihr Erscheinen einstellen. Max Lingner wird Mitarbeiter von «l’Avant-Garde», der Zeitung der kommunistischen Jugend Frankreichs, und 1936 Zeichner von «l’Humanite», dem Zentralorgan der kommunistischen Partei. Erst jetzt ist er zur täglichen Zeichnung «verurteilt». Fortan dominiert auch in seinen freien künstlerischen Arbeiten ein stark rhythmisches Kompositionsprinzip, das auf großen ruhigen Formen und kräftigen Silhouettenwirkungen beruht.

1939

Lingner hat eine zweite Personalausstellung in der Pariser Galerie Billiet Vorms. Die Arbeit für «l’Avant-Garde» und «l’Humanite» sowie die Volksfrontbewegung haben auch Lingners Stil und Bildsujets verändert. Seine Darstellungen vom Alltag des französischen Volkes vermitteln ein gewandeltes Lebensgefühl, seine Gestalten drücken Stärke und Selbstbewusstsein aus. Überzeugendstes Beispiel ist das Bildnis der «Mademoiselle Yvonne».
Bei Ausbruch des II. Weltkrieges wird Lingner als Deutscher und als Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs sofort verhaftet.

1940-1944

Nach seiner Verhaftung ist Max Lingner in verschiedenen Lagern interniert. Selbst hier, danach in der Überwachungshaft sowie 1943/1944 in der Resistance versucht er, immer auch künstlerisch tätig zu sein. In Gurs entsteht eine ausdrucksstarke Serie zum Leben der Gefangenen.

1944-1945

Im befreiten Paris und nach Kriegsende nimmt Lingner seine Arbeit als Pressezeichner für «l’Humanite» wieder auf, wirbt für sie durch Zeichnungen und Plakate, entwirft auch die riesigen Dekorationen der Pressefeste.
1945 wird Lingner als «allemand immigre antinazi» anerkannt.

1947

Dritte Personalausstellung Max Lingners in Paris in der Galerie «La Boetie».

1948

Lingner stellt in einem Aquarell-Zyklus erneut die Banlieue dar, die ihn schon Anfang der dreißiger Jahre zum Zeichnen angeregt hatte.

Mademoiselle Yvonne, 1939

Mademoiselle Yvonne, 1939,
Foto © bpk/Jörg P. Anders,
Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie
Mademoiselle Yvonne, 1939
Öl/Leinwand, 99 × 51 cm, Neue Nationalgalerie SMPK Berlin

Lingner war in Paris Pressezeichner geworden, aber er hatte nie aufgehört, Maler zu sein. In seinen Bildern hat er immer wieder selbstbewußte französische Frauen wie Yvonne dargestellt: stolz, schön und nicht selten politisch aktiv. Yvonne war eine junge Arbeiterin, die in der Widerstandsbewegung arbeitete, deshalb verhaftet und 1944 in Auschwitz umgebracht wurde. All das wußte Lingner natürlich nicht, als er sie 1939, wenige Tage vor Kriegsausbruch, in ihrem engen violetten Kleid, mit den eleganten Handschuhen und dem Lippenstift-roten Mund malte. Das Gemälde gehörte zu den 40 Werken, die Lingner 1949 dem «deutschen Volk» geschenkt hat.

Weißenfelser Landschaft, um 1928, Öl, 26x29cm Museum Weißenfels; Foto: Reinhard Hentze, Halle

Weissenfelser Landschaft, um 1928, Öl, 26x29cm, Museum Weißenfels

Weißenfels

1922-1928


Im April 1922 Aufgabe des Hofes und im Juli Übersiedlung nach Weißenfels, wo Lingner mit seiner Frau zunächst bei seinen Schwiegereltern wohnt. Der befreundete Eisengießerei-Besitzer Fritz Röthe richtet Lingner ein Atelier ein. Lingner knüpft über die Familie seiner Frau Kontakte zu Fabrikanten und städtischen Honoratioren, für die er Auftragsarbeiten, Portraits und Genrebilder malt. Im Herbst 1922 hat Lingner bei dem Leipziger Kunsthändler P. H. Beyer eine sehr erfolgreiche Ausstellung. In unmittelbarer Nähe zur chemischen Großindustrie setzt Lingner sich in Weißenfels zunehmend mit den sozialen Problemen seiner Zeit auseinander. Als ein Hauptwerk entsteht das von Ernst Tollers Drama angeregte Gemälde «Der Hinkemann». Zeichnungen im «Leuna-Prolet» und im «Klassenkampf», dem Organ der KPD Halle-Merseburg, Gefährden Lingners Gesellschaftliche Reputation. 1927 entsteht eine Folge von Lithographien «Arbeiterliebe/Liebespaar», die Lingner an Käthe Kollwitz schickt. Diese bestärkt ihn in seiner Absicht, für kurze Zeit nach Paris zu gehen. Tatsächlich übersiedelt der Vierzigjährige mit seiner Frau im Dezember 1928 nach Paris, um hier die französische Moderne seinen eigenen Intentionen einer sozialen, menschlichen Kunst zu assimilieren.