Maimorgen, 1907, Aquarell, 13x22cm, Museum Weißenfels; Foto: Reinhard Hentze, Halle

Maimorgen, 1907, Aquarell, 13x22cm, Museum Weißenfels
Leben und Werk

Leipzig

1888

Am 17. November 1888 wird Carl Franz Max Lingner als fünftes Kind des Holzstechers Maximilian Lingner (1851-1928) und seiner zweiten Ehefrau Pauline, geborene Bonitz (1862-1940) in Leipzig geboren.

1904-1908

Auf Anraten des Vaters und des befreundeten Graphikers und Zeichners Max Klinger besucht Lingner das Abendstudium oder den Abendakt an der Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe zu Leipzig.

Dresden von der Elbe aus, 1908, Aquarell, 14x21,5cm, Museum Weißenfels; Foto: Reinhard Hentze, Halle

Dresden von der Elbe aus, 1908, Aquarell, 14×21,5cm, Museum Weißenfels

Dresden

1908

Nach dem Abitur erhält Max Lingner ein Stipendium der Stadt Leipzig für ein Studium der Malerei an der Dresdener Kunstakademie bei Professor Carl Bantzer (1857-1941). Dresden begeistert den jungen Lingner, Ausstellungen moderner Künstler wie Ferdinand Hodler, Lovis Corinth und Vincent van Gogh beeindrucken ihn. Wichtig ist auch der Einfluss Hans von Marees (1837-1887), der 1908/09 in einer großen Einzelausstellung der Münchener Sezession gleichsam neu entdeckt wird.

1909

Carl Bantzer übernimmt Lingner in sein Meisteratelier und besorgt dem jungen Künstler ein eigenes Atelier. Als erste Arbeit im Meisteratelier entsteht das großformatige Gemälde «Die Liebe».

1912

Für sein Gemälde «Abendlied/ Singende Mädchen» erhält Lingner den «Sächsischen Staatspreis». Das Hauptwerk der frühen Schaffensperiode entsteht nach einem Studienaufenthalt in Brodowin, einem märkischen Dorf nordöstlich von Berlin; es zeigt einen großen Einfluss Ferdinand Hodlers (1853-1918) auf die rhythmische Komposition und Ausführung der Figurengruppe.

1913

Am 11. Dezember heiratet Lingner Marie Minna Elise Arsand (1882-1951), die Tochter des Weißenfelser Schuhfabrikanten August Arsand. Gemeinsam unternehmen sie eine Studienreise nach Paris, London, Brügge, Brüssel und Amsterdam.

1914-1918

Im März 1914 beendet Lingner das Studium an der Dresdener Kunstakademie. Statt der erhofften Künstlerkarriere folgt bereits ab September 1914 die Einberufung zum Kriegsdienst, nach der Rekrutenausbildung ab Januar 1915 zunächst in der Infanterie, dann bei den Seefliegern; im November 1918 Teilnahme am Matrosenaufstand in Kiel.

Mein Hof auf dem Darß, 1920, Öl, 56,5x73,5cm, Museum Weißenfels; Foto: Reinhard Hentze, Halle

Mein Hof auf dem Darss, 1920, Öl, 56,5×73,5cm, Museum Weißenfels

Darss/Born

1919-1922

Nach der Demobilisierung lassen sich Max und Lisa Lingner Anfang 1919 in Pommern, auf dem Darß nieder. Lisa Lingner hatte schon im Januar 1918 von einem Teil ihres Erbes in Born eine Büdnerei von zwanzig Morgen Land gekauft.
Max Lingner versucht, sein künstlerisches Schaffen mit dem Leben eines Bauern zu verbinden und damit für beides einen neuen Ausgangspunkt zu finden. Er malt Darß-Landschaften, aber auch Bilder zu religiösen Themen und allegorische Kompositionen. Zunehmend empfindet Lingner die Abgeschiedenheit Pommerns als Isolierung und entschließt sich darum im Frühjahr 1922, den Hof aufzugeben und mit seiner Frau nach Weißenfels zu ziehen.

Weißenfelser Landschaft, um 1928, Öl, 26x29cm Museum Weißenfels; Foto: Reinhard Hentze, Halle

Weissenfelser Landschaft, um 1928, Öl, 26x29cm, Museum Weißenfels

Weißenfels

1922-1928


Im April 1922 Aufgabe des Hofes und im Juli Übersiedlung nach Weißenfels, wo Lingner mit seiner Frau zunächst bei seinen Schwiegereltern wohnt. Der befreundete Eisengießerei-Besitzer Fritz Röthe richtet Lingner ein Atelier ein. Lingner knüpft über die Familie seiner Frau Kontakte zu Fabrikanten und städtischen Honoratioren, für die er Auftragsarbeiten, Portraits und Genrebilder malt. Im Herbst 1922 hat Lingner bei dem Leipziger Kunsthändler P. H. Beyer eine sehr erfolgreiche Ausstellung. In unmittelbarer Nähe zur chemischen Großindustrie setzt Lingner sich in Weißenfels zunehmend mit den sozialen Problemen seiner Zeit auseinander. Als ein Hauptwerk entsteht das von Ernst Tollers Drama angeregte Gemälde «Der Hinkemann». Zeichnungen im «Leuna-Prolet» und im «Klassenkampf», dem Organ der KPD Halle-Merseburg, Gefährden Lingners Gesellschaftliche Reputation. 1927 entsteht eine Folge von Lithographien «Arbeiterliebe/Liebespaar», die Lingner an Käthe Kollwitz schickt. Diese bestärkt ihn in seiner Absicht, für kurze Zeit nach Paris zu gehen. Tatsächlich übersiedelt der Vierzigjährige mit seiner Frau im Dezember 1928 nach Paris, um hier die französische Moderne seinen eigenen Intentionen einer sozialen, menschlichen Kunst zu assimilieren.

Blick von den Meudon-Terrassen auf den Eiffelturm, um 1931, Zeichnung,  16,8x25,7 cm, Max-Lingner-Stiftung, Berlin

Blick von den Meudon-Terrassen auf den Eiffelturm, um 1931, Zeichnung, 16,8×25,7 cm, Max-Lingner-Stiftung, Berlin

Paris

1929

Lingner findet ein kleines Atelier im Quartier Montparnasse. er ist zunächst begeistert von dem Reichtum und der Vielfalt der Kunstszene. In seinen Arbeiten verstärken sich die Einflüsse von Renoir, Matisse, aber auch von Fernand Leger, die er bereits in Weißenfels aufgenommen hat. In Spritztechnik auf dünner Japanseide entstehen Gemälde als Wandbehänge; ferner Entwürfe für illustrierte Bücher. Schon bald jedoch verzweifelt Lingner an der Beliebigkeit und Esoterik der Kunstmoden; Euphorie und Verzweiflung wechseln sich ab.

1930

Nach einer schwierigen Phase der Neuorientierung lernt Lingner in Paris den Schriftsteller Henri Barbusse (1873-1935) kennen, der ihn als Zeichner und Gestalter an seine Wochenzeitung «Monde» holt. Damit beginnt Max Lingners große Karriere als Pressezeichner. Er entdeckt dabei das Leben der Arbeiter in den Vorstädten, der Banlieue von Paris.

1932

Lingner wird Mitglied der in Paris gegründeten Vereinigung revolutionärer Schriftsteller und Künstler. Eine schwere Krankheit seiner Frau (Hirnhautentzündung) belastet sein persönliches Leben. Lisa Lingner ist seit 1931 zeitweise und nach 1935 dauernd in der Psychiatrischen Klinik in Villejuif/Seine untergebracht.

1933

Pierre Vorms zeigt Lingners erste Einzelausstellung in Paris in der von ihm geleiteten Galerie Billiet.

1934

Lingner wird Mitglied der Französischen Kommunistischen Partei.

1935-1936

Nach dem Tod von Henri Barbusse – am 30. August 1935 in Moskau – muss die «Monde» ihr Erscheinen einstellen. Max Lingner wird Mitarbeiter von «l’Avant-Garde», der Zeitung der kommunistischen Jugend Frankreichs, und 1936 Zeichner von «l’Humanite», dem Zentralorgan der kommunistischen Partei. Erst jetzt ist er zur täglichen Zeichnung «verurteilt». Fortan dominiert auch in seinen freien künstlerischen Arbeiten ein stark rhythmisches Kompositionsprinzip, das auf großen ruhigen Formen und kräftigen Silhouettenwirkungen beruht.

1939

Lingner hat eine zweite Personalausstellung in der Pariser Galerie Billiet Vorms. Die Arbeit für «l’Avant-Garde» und «l’Humanite» sowie die Volksfrontbewegung haben auch Lingners Stil und Bildsujets verändert. Seine Darstellungen vom Alltag des französischen Volkes vermitteln ein gewandeltes Lebensgefühl, seine Gestalten drücken Stärke und Selbstbewusstsein aus. Überzeugendstes Beispiel ist das Bildnis der «Mademoiselle Yvonne».
Bei Ausbruch des II. Weltkrieges wird Lingner als Deutscher und als Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs sofort verhaftet.

1940-1944

Nach seiner Verhaftung ist Max Lingner in verschiedenen Lagern interniert. Selbst hier, danach in der Überwachungshaft sowie 1943/1944 in der Resistance versucht er, immer auch künstlerisch tätig zu sein. In Gurs entsteht eine ausdrucksstarke Serie zum Leben der Gefangenen.

1944-1945

Im befreiten Paris und nach Kriegsende nimmt Lingner seine Arbeit als Pressezeichner für «l’Humanite» wieder auf, wirbt für sie durch Zeichnungen und Plakate, entwirft auch die riesigen Dekorationen der Pressefeste.
1945 wird Lingner als «allemand immigre antinazi» anerkannt.

1947

Dritte Personalausstellung Max Lingners in Paris in der Galerie «La Boetie».

1948

Lingner stellt in einem Aquarell-Zyklus erneut die Banlieue dar, die ihn schon Anfang der dreißiger Jahre zum Zeichnen angeregt hatte.

Straße nach Rummelsburg !!, 1958, Gemälde, 63x87 cm, Max-Lingner-Stiftung, Berlin

Straße nach Rummelsburg !!, 1958, Gemälde, 63×87 cm, Max-Lingner-Stiftung, Berlin

Berlin

1949-1950

Lingner entscheidet sich, nach Deutschland zurückzukehren. Im März 1949 übersiedelt er nach Ostberlin, wird Professor für Malerei an der 1947 eröffneten Kunsthochschule Berlin-Weißensee und Gründungsmitglied sowie Sekretär der Sektion Bildende Kunst an der deutschen Akademie der Künste, wo er eine Meisterklasse übernimmt. »Dem deutschen Volk» schenkt Lingner vierzig Gemälde und Zeichnungen aus den Jahren 1929 bis 1949, die in einer Wanderausstellung gezeigt werden. Die ersten Auftragsarbeiten in Ostberlin sind große Festdekorationen für den 1. Mai. Am 12. September 1950 heiratet Lingner die Juristin Dr. Erika Hoffmeier (1914-1997), nachdem seine Ehe mit Lisa Lingner wegen Aufhebung der geistigen Gemeinschaft durch ihren dauernden Aufenthalt in der Psychiatrie geschieden worden ist. (Lisa Lingner stirbt am 18. Juli 1951 in der Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen/Baden.)

1952-1955

Einzug in das Haus in Niederschönhausen … Lingner wird zweimal (1952 und 1955) mit dem Nationalpreis der DDR geehrt. Er arbeitet an einem Bauernkriegsbild, das einen Zyklus zur Geschichte des deutschen Volkes einleiten soll. 1953 wird sein Wandbild am Haus der Ministerien übergeben, zu dessen Ergebnis Lingner durchaus kritisch steht. Die Formalismus-Kampagne trifft ihn als West-Emigranten ganz besonders – von Ministerpräsident Otto Grotewohl ist ihm eine Überarbeitung der zahlreichen Entwürfe und Einzelstudien zugunsten der erwünschten politischen Botschaft des ausgeführten Wandbildes aufgezwungen worden. 1955 veröffentlicht er seine Autobiographie «Mein Leben und meine Arbeit» im Verlag der Kunst, Dresden. Die Gestaltung des Buches übernimmt Max Lingner; Vorworte schreiben Marcel Cachin und Paul Wandel.

1956-1959

Die Arbeiten der letzten Jahre variieren oft Themen, die Lingner sein ganzes Leben begleitet haben. 1958 vollendet er die «Straße nach Rummelsburg», das Gemälde sollte ähnlich seinen Darstellungen der Pariser «Banlieue» eine Folge über die Berliner Arbeiterbezirke einleiten. Mit dem «Volkslied» (ebenfalls 1958) nimmt Lingner noch einmal das Motiv der singenden Mädchen auf, das er bereits 1912 zu seiner Bildkomposition «Abendlied» fügte. 1958 veranstaltet die Akademie der Künste zu Berlin die Ausstellung «Max Lingner 70 Jahre alt», die Alfred Kurella eröffnet. Am 14. März 1959 stirbt Max Lingner in Berlin. Seinem Wunsch gemäß wird er auf dem Friedhof in Berlin-Niederschönhausen, unweit seines Wohnhauses, beigesetzt.