Max Lingner, Pressezeichnung «Joyeuse Pentecôte» (Frohe Pfingsten), Ausschnitt; in l’Humanité vom 5. Mai 1938

Max Lingner, Pressezeichnung «Joyeuse Pentecôte» (Frohe Pfingsten), Ausschnitt; in l’Humanité vom 5. Mai 1938
RÜCKBLICK – 2015
28. Januar 2015, 19 Uhr

Die Benjamins. Eine deutsche Familie (Aufbau Verlag 2014)
André Brie diskutiert mit dem Buchautor Uwe-Karsten Heye

Uwe-Karsten Heye erzählt eine Familiengeschichte, in der sich das «Zeitalter der Extreme» (Eric Hobsbawm) manifestiert. Fünf Menschen, fünf dramatische Schicksale: Walter Benjamin, der Philosoph und Autor. Hilde Benjamin, als «rote Guillotine» verschrien, aber auch deren Mann Georg Benjamin, Kommunist und Arzt, ermordet im KZ Mauthausen. Schwester Dora, Sozialwissenschaftlerin, die als Jüdin ebenfalls ins Exil getrieben wurde. Und schließlich Hildes Sohn Michael, Rechtsprofessor in Moskau und Ost-Berlin, der zeit seines Lebens mit der Familiengeschichte rang. Das spannende Psychogramm einer deutschen Familie.

Mit freundlicher Unterstützung des Aufbau-Verlags.

15. Februar 2015, Ab 15 Uhr

Neujahrsempfang der Max-Lingner-Stiftung

Alle Anwohner/innen und die Freund/innen des Max-Lingner-Hauses sind herzlich eingeladen! Wie immer mit einem französischen Buffet.

um 18 UHR

Beatrice und Arnold Zweig: Aus Israel nach Ost-Berlin
Vortrag von Dr. Hermann Simon,
Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum

Hermann Simon schildert die Rückkehr der Eheleute Zweig nach Deutschland und die Beweggründe ihrer Ansiedlung in Ost-Berlin. Weiterhin untersucht der Vortrag das Verhältnis von Arnold Zweig zur Jüdischen Gemeinde und stellt dar, wie sich Arnold Zweig zur offiziellen antiisraelischen DDR-Politik verhalten hat.

Mittwoch, 4. März 2015, 19 Uhr

Das «falsche» Exil? Westemigranten in der DDR I
Verdächtigung und Verfolgung von Westemigranten in der SBZ/DDR 1945 bis 1953.
Vortrag von Bernd-Rainer Barth

Die Forschungen des Autors stellen einige gängige Erklärungsmuster (Machtkampf zwischen «Moskau-Kadern» und «Westlern») in Frage.
Vergleichende empirische Forschungen in osteuropäischen Archiven und den Unterlagen von SED und MfS zeigen deutlicher als bisher die tatsächliche Gewichtung sowjetischer Vorgaben und realer Handlungsspielräume der SED-Führung. Auch die Rolle Walter Ulbrichts und Wilhelm Piecks in den «Parteisäuberungen» 1948 bis 1956 muss neu bewertet werden—beide wussten von Anfang an um die Unschuld der als «Agenten» diffamierten SED-Mitglieder. Doch warum wurden einige Westemigranten zu Opfern (Franz Dahlem, Paul Merker), während andere auf Seiten der Verfolger agierten (Erich Mielke, Hermann Matern)?

Mittwoch, 11. März 2015, 19 Uhr

Aus Stroh Gold spinnen
Vortrag von Günter Höhne

Autor und Design-Kurator Günter Höhne (1984–89 Chefredakteur der DDR-Designzeitschrift form+zweck, danach bis 1995 bei der Tageszeitung Neue Zeit) erzählt von zwei Klassikern der industriellen Formgestaltung in der DDR um 1950: von der Suhler Koffernähmaschine FREIA und ihrem Schöpfer, dem genialen «Verdienten Erfinder der DDR» Ernst Fischer (1910–2006), sowie von dem legendären Hellerauer «Menzel-Stuhl». Anhand zweier ostdeutscher bzw. DDR-Industrieprodukte aus den ersten Nachkriegsjahren wird geschildert, wie mit Klugheit, Energie und sozialem Engagement auf dringende gesellschaftliche Bedürfnisse reagiert wurde und zugleich Tugenden zum Tragen kamen, die auch in der DDR-Zeit immer wieder gefragt waren: Aus Stroh Gold spinnen zu wollen (und zu können).

Mittwoch, 18. März 2015, 19 Uhr

Erinnerung an den Gulag in Kasachstan
Vortrag von Dr. Wladislaw Hedeler

Hedeler reiste zu Recherchen über den Gulag zwischen 2001 und 2013 regelmäßig nach Kasachstan. Die Verlegung der Hauptstadt aus Almaty in den Norden, in die Nähe der russischen Grenze, war bereits erfolgt, die Neubewertung der Sowjetepoche hatte begonnen. In Kasachstan kam es nicht—anders als in den baltischen und mittelasiatischen Republiken—zu einem Bruch mit Russland. Die ­Geschichte der Museen in Dolinka und Malinowka ist ein Spiegelbild dieser Umwertung und des Versuchs, kulturelle Identität über eine gesteuerte Erinnerungspolitik zu verankern. Wie dabei verfahren wird, lässt sich auch sehr gut an den Veränderungen im Stadtbild von Karaganda erläutern.

Veranstalter Helle Panke e.v./Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin

Mittwoch, 15. April 2015, 19 Uhr

Die Wandbilder von Josep Renau in der DDR. Perspektiven einer Neubewertung
Vortrag von Oliver Sukrow, M.A. (Heidelberg/München)

Josep Renau (1907–1982) kann in den Bereichen der Fotomontage und des Wandbildes als einer der wichtigsten spanischen Künstler des 20. Jahrhunderts gelten. Nach seinem mexikanischen Exil schuf er auch während seines Aufenthaltes in der DDR (ab 1958) in diesen Medien bedeutende Kunstwerke. Lange in ihrem Denkmalwert angezweifelt, erfahren seine erhaltenen Wandbilder in Halle und Erfurt seit ein paar Jahren neue Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Der Vortrag stellt einige der geplanten und ausgeführten Wandbilder Renaus in der DDR vor und bettet diese in die historischen und ikonografischen Kontexte ihrer Entstehungszeit ein. Eingegangen werden soll auch auf Renaus Beitrag bei der Ausarbeitung einer spezifischen Ikonografie sozialistischer Zukunftsvisionen.

Mittwoch, 22. April 2015, 19 Uhr

Zum Schicksal der Schweiz-Emigranten Paul Bertz, Leo Bauer, Maria Weiterer und Fritz Sperling
Vortrag von Bernd-Rainer Barth

Mit der Untersuchung der Schweizer KPD-Emigrationsgruppe begann im Herbst 1949 die parteiinterne «Säuberung» der Westemigranten. Nach dem Budapester Rajk-Prozesses und der dort enthüllten Rolle des angeblichen «Superspions» Noel Field sollten auch in der DDr Schauprozesse vorbereitet werden. Am Beispiel von vier prominenten Opfern der Noel-Field-Affäre berührt der Autor unterschiedliche Aspekte der «Säuberungspraxis» in der frühen DDR, zeigt aber auch das Spektrum möglicher Haltungen unschuldiger Kommunisten in einer dilemmatischen Situation. Die reale Vorgeschichte der Schweizer KPD-Emigration wird ebenso beleuchtet wie die angesichts divergierender sowjetischer Interessen in Deutschland begrenzten Spielräume der SED-Führung.

Mittwoch, 29. April 2015, 19 Uhr

Sowjetisches Erbe und Gedenkkultur in Lettland und Litauen
Vortrag von Wolfgang Kil

Wie überall in Ostmitteleuropa haben die baltischen Staaten seit ihrer Loslösung aus der sowjetischen Hegemonie erhebliche Probleme mit ihrer Geschichtsdeutung. Dabei verfügen ausgerechnet diese Länder über einige künstlerisch bedeutende Memorialkomplexe aus spätsowjetischer Zeit. Inwieweit diese überkommenden («ererbten») Deutungsversuche heute einfach belassen, neu interpretiert, ergänzt oder gar «umgedreht» wurden, soll an einigen Fällen aus Riga, Liepaja und Kaunas gezeigt werden. Obwohl sich die gewandelten Geschichtsbilder maßgeblich in den Ausstellungskonzepten zeigen, wird sich dieser Vortrag vor allem mit architektonisch-bildkünstlerischen Fragen der Memorialkultur befassen.

Veranstalter Helle PanKe e.V./ Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin

Mittwoch, 13. Mai 2015, 19 Uhr
Anlässlich des Kriegsendes vor 70 Jahren

«Ich habe Hitlers Leichnam identifiziert» oder: wie die Dolmetscherin Jelena Rshewskaja Weltgeschichte machte
Feature von Antje Leetz. SFB/ORB 1998

Als im April 1945 die Rote Armee in Berlin einrückt, ist auch ein hübsches, dunkelhaariges Mädchen von 25 Jahren mit dabei. Sie hat den ganzen Krieg mitgemacht, als Gardeleutnant und Dolmetscherin. Am 8. Mai — als die bedingungslose Kapitulation Nazideutschlands unterzeichnet wird — ist sie verantwortlich für ein gerichtsmedizinisches Unikat: Sie trägt in einer kleinen roten Schachtel den Beweis für Hitlers Tod. Es sind die Zähne des Diktators. Jelena Moissejewna Rshewskaja (geb. 1919) entstammt einer jüdischen Familie aus Weißrussland. Der Krieg ließ sie zur Schriftstellerin werden. Die Featureautorin besuchte sie 1998 in Moskau, wo sie heute, 95jährig, immer noch lebt.

Mittwoch, 27. Mai 2015, 19 Uhr

Zur Rolle der Phantasie im Werk von Hans und Lea Grundig
Vortrag von Oliver Sukrow, M.A. (Heidelberg/München)

In ihrem publizistischen Wirken nach 1945 bemühten sich Hans und Lea Grundig um die Rehabilitierung der von der Ästhetik der 1950er Jahre als problematisch angesehen Kategorie der Phantasie. Dabei betonte Lea Grundig, dass die Phantasie keine Flucht aus der Wirklichkeit darstelle, sondern «ein natürliches, dem Menschen angeborenes Vermögen, seine Umwelt nicht nur in der wissenden Erkenntnis zu durchdringen, sondern sie sich auch in anderen Formen erkennbar zu machen» (1978). Die «Phantasie» war für Lea Grundig eine spezifisch künstlerische Methode des Weltzugangs und der -deutung. Der Vortrag wird zeigen, inwiefern die Phantasie bei den Grundigs in der Traditionslinie der deutschen Romantik und ihrer Sichtweise der Phantasie als «kreatives Vermögen der Anschauung» steht.

Mittwoch, 10. Juni 2015, 19 Uhr

Russen in Berlin
Vortrag von Michael Leetz

Nach der Oktoberrevolution verließen 2,5 Millionen Russen ihre Heimat. Die meisten von ihnen gingen nach Deutschland. Anfang der 20er Jahre wird Berlin zum Zentrum der russischen Emigration und Sprachrohr der russischen Kultur in Westeuropa. Im Jahre 1923 leben 360.000 Russen in der Stadt. Es gibt sechs russische Banken, 87 Verlage, drei Tageszeitungen und 20 russische Buchläden. Char- lottenburg, bevorzugter Wohnort der Russen, wird von den Berlinern in «Charlottengrad» umbenannt, und den Kurfürstendammbus nach Halensee nennen sie «Russenschaukel». Wie konnte es dazu kommen, dass Berlin in jenen Jahren zum wichtigsten Zentrum russischen Lebens außerhalb Russlands wurde? Und kam es zu einem austausch zwischen Russen und Deutschen? Auf diese Fragen will der Vortrag eine Antwort geben. Er stellt bedeutende kulturelle Institutionen und herausragende Protagonisten des russischen Berlin vor.

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Mittwoch, 17. Juni 2015, 19.00 Uhr
Architekturvortrag 13

Josef Kaiser als Architektur-Theoretiker der 1960er Jahre
Vortrag von Oliver Sukrow, M.A. (Heidelberg/München)

Auf die Veränderungen und Herausforderungen des industriellen Bauens reagierten die Architekten in der DDR der 1960er Jahre in ganz unterschiedlicher Weise – die Vorstellungen reichten von vollständiger Automatisierung und der Etablierung eines «Komplexprojektanten» bis hin zur Reaktivierung klassischer Ideale vom Architektenberuf, die sich bis Vitruv zurückverfolgen lassen. Der Vortrag wird anhand neuer Funde aus dem schriftlichen Nachlass von Josef Kaiser die Bandbreite der Überlegungen skizzieren und die bislang vernachlässigte theoretische Kompetenz im Schaffen Kaisers erörtern.

11. September 2015, 19 Uhr

Im Oratorium «Paulus»: Der Chor schaut hin und schaut weg
Vortrag von Dr. Martin Albrecht-Hohmaier zur Aufführung am 19. September um 19.30 in der Gethsemanekirche

In dem 1836 erstmals aufgeführten Oratorium von Felix Mendelssohn Bartholdy begleitet der Chor den Saulus auf seinem Weg zum Paulus, der ihn vom Christenverfolger über die Erleuchtung zum christlichen Missionar führt—eine spannende Wandlung. Der Chor ist die Stimme Jesu, der Juden, Christen und Heiden. Er schaut zu, feuert an, trauert und ­leidet, und ist immer direkt beim Geschehen dabei.

In Kooperation mit Helle Panke und dem Konzertchor der Friedenskriche Niederschönhausen

12./13. September 2015

Tag des Offenen Denkmals im Max-Lingner-Haus

Das Max-Lingner-Haus ist Teil der 1950/51 erbauten «Intelligenz-Siedlung» (Architekt: Hanns Hopp). Für den Maler und Grafiker Max Lingner wurde ein Typenhaus um ein Maler-Atelier erweitert. Den Mittelpunkt des Gartens bildet ein etwa 86 Quadratmeter Großer Patio. Seine Gestaltung vermittelt zwischen mediterraner Atmosphäre und märkischer Landschaft. Haus und Garten wurden denkmalgerecht saniert. Der bundesweit begangenen Tag des Offenen Denkmals steht in diesem Jahr unter dem Motto Kunst-Handwerk-Industrie.

Vorträge/Führungen:

Sonnabend

12 Uhr

Leipzig—Paris—Berlin.
Leben und Werk Max Lingners
Vortrag von Martin Groh

14 Uhr

Der Garten: Geschichte und Sanierung
Vortrag von Caroline Rolka

15 Uhr

Gerhard Schumacher-Kitzig demonstriert das Drucken von Originalplatten Max Lingners

16 Uhr

Max Lingners Presseillustrationen
Vortrag von Martin Groh


Sonntag

12 Uhr

Führung durch das Max-Lingner-Haus, Garten und die Siedlung
mit Michael Leetz

14 Uhr

Der Garten: Geschichte und Sanierung
Vortrag von Caroline Rolka

15 Uhr

Gerhard Schumacher-Kitzig demonstriert
das Drucken von Originalplatten Max Lingners

16 Uhr

Zeichnen für die Zeitung: Kunst-Handwerk-Industrie
Vortrag von Angelika Weißbach

 
Sie sind herzlich eingeladen!
Max-Lingner-Stiftung
Vorsitzender Dr. Thomas Flierl

16. September 2015, 19 Uhr
Architekturvortrag 14

Der Park am Fernsehturm. Zentraler Freiraum in Berlins historischer Mitte
Vortrag von Axel Zutz, Garten- und Planungshistoriker (Berlin)
Mit einem Filminterview mit Hubert Matthes (2013).

Der um 1970 von Landschaftsarchitekt Hubert Matthes entworfene Park nahm als Garten des geplanten Zentralgebäudes den Palast der Republik vorweg und war als zentraler Freiraum der Hauptstadt der DDR dessen eigent­liche Schauseite. Die Idee der Anlage entspricht einem modernen herrschaftlichen Garten mit zeitgenössisch poppig interpretierten Gestaltungselementen. Der Park ist als Teil ­eines Raumkunstwerks der Ost-Moderne durch die mit dem Schloss-Nachbau entfesselte Sehnsucht von Altstadtromantikern und Bau­lobbyisten nach dem kaiserlichen Berlin bedroht. Der Vortrag diskutiert die heutige Bedeutung des Freiraums in denkmalpflegerischer und stadtpolitischer Hinsicht.

23. September 2015, 19 Uhr
Radio-Feature 17

Lang lebe der Berliner Fernsehturm. Ein Hochruf auf das höchste deutsche Bauwerk
Feature von Renate Beckmann und Angelika Perl (SFB/ORB 2001)

Der Berliner Fernsehturm ist eines der wenigen positiv bewerteten Wahrzeichen, das an die untergegangene DDR erinnert. Der Abriss blieb ihm erspart, weil die Telekom sofort den Turm als höchsten ­Antennenmast der Stadt und als Werbeträger nutzte. So wurde er mittlerweile zum Wahrzeichen der ganzen Stadt. Im Oktober 1969 eröffnet, steht der 365 Meter hohe Turm schon fast ein halbes Jahrhundert standfest im sandigen Boden Berlins. Die Besucherströme aus dem In- und Ausland reißen nicht ab: Jedes Jahr wagen über eine Million Gäste die Höhenfahrt bis zur Aussichtsplattform mit ­gran­diosem Blick über die Stadt. Aber von der Geschichte des Turms ­erfährt man wenig am historischen Ort.

30. September 2015, 19 Uhr

Architektenleben
Harry Mehner im Gespräch mit Prof. Dr. Ludwig Deiters (Architekt und Denkmalpfleger)

«Mit meiner Berufung zum Konservator war ich im Grunde genommen ein Seiteneinsteiger». So charakterisiert der 1921 geborene Ludwig Deiters, langjähriger Generalkonservator und Direktor des Instituts für Denkmalpflege der DDR, den Anfang seiner Berufslaufbahn in der Denkmalpflege (1957–1986). Zu den Verdiensten ­Deiters gehörte die Integration von Architekten und Kunstwissenschaftlern sowie Restauratoren in das Institut und seine regionalen Arbeitsstellen, das sich mit den Forschungen zum Denkmalbestand und seiner hohen praktischen Kompetenz zu einer wirksamen Denkmalbehörde entwickelte. Auch nach seinem Eintritt ins Rentenalter blieb er—nun freiberuflich—als Architekt und Sachverständiger der Denkmalpflege verbunden. Noch sind seine Erinnerungen unveröffentlicht. Das Gespräch gibt erste Einblicke.

7. Oktober 2015, 19 Uhr

Kästners Berlin. Literarische Schauplätze
Lichtbildvortrag von Michael Bienert

«Im Osten residiert das Verbrechen, im Zentrum die Gaunerei, im Norden das Elend, im Westen die Unzucht, und in allen Himmelsrichtungen wohnt der Untergang», heißt es in Erich Kästners Fabian-Roman von 1931 über Berlin. Der Literaturwissenschaftler und ­Publizist Michael Bienert hat sich an die Fersen von Kästners Romanfiguren geheftet und viel Unbekanntes entdeckt, etwa die erste ­Berliner Wohnadresse Kästners in Berlin-Kreuzberg oder ein Foto im Nachlass, das die Verbrennung seiner Bücher im Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz aus ungewöhnlicher Perspektive zeigt. Von den literarischen Schauplätzen ausgehend werden der Alltag und die ­Arbeitsweise eines linksbürgerlichen Autors beleuchtet, der in der Medienwelt des frühen 20. Jahrhunderts an die Tradition der Berliner Aufklärung anknüpfte.

14. Oktober 2015, 19 Uhr

«Die letzten Tage von …»
Experimente einer proletarisch-revolutionären Literatur 1931

Buchvorstellung mit den beiden Verlegern Thomas Möbius und Gaston Isoz sowie dem Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Dieter Schiller

Unter dem Pseudonym K. Olectiv veröffentlichte Die Rote Fahne 1931 einen Fortsetzungsroman von Jürgen Kuczynski und Emanuel Bruck. Für beide war dieses Unternehmen ein Experiment, das ­Tagespolitik mit Unterhaltung und Agitation verband. Die beiden ­Herausgeber der Neuauflage rekonstruieren die wenig bekannten Lebensstationen des proletarisch-revolutionären Schriftstellers Bruck. Zu dritt diskutieren sie die Möglichkeiten engagierter literarischer Kunstformen.

In Kooperation mit Helle Panke/Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin

4. November 2015, 19 Uhr

«Der liebe Unhold. Autobiographisches Zeitportrait von 1900 bis 1939»
Von René Halkett (1900–1983)
Vortrag mit Buchvorstellung von Thomas B. Schumann (Köln)

Halkett, aus thüringisch-sächsischem Adel stammend, hatte ein ­bewegtes Leben: Kadett im Ersten Weltkrieg, Wandervogel, Loheland-Tänzer, Freikorpskämpfer, KPD-Sympathisant, Student am ­Weimarer Bauhaus, Mitarbeiter von Piscators Roter Bühne in Berlin, Segelflugpionier in Ostpreußen, Maler in der Rhön, Journalist für die Frankfurter Zeitung, Emigrant auf Ibiza und in Großbritannien. Exil-Forscher, Autor und Verleger Thomas B. Schumann hat die 1939 in London erschienene Autobiographie — ein Sebastian Haffners ­Geschichte eines Deutschen verwandtes Buch — 2011 auf Deutsch herausgebracht.

11. November 2015, 19 Uhr
Architekturvortrag 15

Das Haus mit tausend Fenstern.
Wohnanlagen in Moskau, Novosibirsk und Čeljabinsk

Vortrag von Dr. Wladislaw Hedeler

Jurij Trifonov hat den Gebäudekomplex, das «riesige graue Haus mit tausend Fenstern, das wie eine ganze Stadt oder gar wie ein ganzes Land war» in seinem Roman Das Haus an der Uferstraße ­beschrieben. Er wohnte mit seinen Eltern in einem der von Boris M. Iofan entwor­fenen Wohnhäuser, die über ein eigenes Heizkraftwerk, ein Ambulatorium, eine Telefonzentrale, eine Tennishalle, einen ­Kindergarten, eine Wäscherei und das Kino Udarnik verfügten. ­Der Komplex ­umfaßte 500.000 Kubikmeter umbauten Raum auf einem etwa ­3 ha großen Grundstück. In den Häusern mit den 25 Aufgängen gab es 505 Wohnungen. 1932 wohnten hier 2.745 Menschen. Vergleichbare Elitehäuser entstanden auch in der Provinz. Wladislaw ­Hedeler stellt drei dieser Wohnanlagen und ihre Bewohner vor.

18. November 2015, 19 Uhr
Architekturvortrag 15

Zwischen Karriere, Kunstbetrieb Und Ausgrenzung.
Bildende Künstler im Nationalsozialismus

Vortrag mit Buchvorstellung von Prof. Dr. Wolfgang Ruppert (Universität der Künste Berlin)

Jahrzehntelang wurde die künstlerische Arbeit während des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik auf die Pole von «Entarteter» und «Nazi-Kunst» reduziert. Dagegen zeigt das neue Buch Künstler im Nationalsozialismus. Die ‹deutsche Kunst›, die Kunstpolitik und die Berliner Kunsthochschule, herausgegeben vom Vortragenden, ein vielschichtiges Bild für den Kunstbetrieb in Deutschland, trotz der Kontrolle durch die Reichskammer der bildenden Künste. Um die Vision­ der «Deutschen Kunst» zu realisieren, wurden freiere künstlerische Sprachen mit den Mitteln der Kunstpolitik und der ­Säuberungen an den Rand gedrängt. «Nichtarische» Künstler unterlagen der ­Ausgrenzung, Verfolgung bis hin zur Ermordung. Der Vortrag stellt die Handlungsspielräume der Künstler in den Mittelpunkt.

2. Dezember 2015, 19 Uhr
Radio-Feature 18

Ein ökologischer Prophet.
Der Schriftsteller Andrej Platonov

Feature von Michael Leetz (SWR 2, 2015)

Wie kein anderer Schriftsteller gestaltete Platonov (1899–1951) in seinem Werk die Widersprüche des sowjetischen Staates. Die Kritik war so grundsätzlich, dass die meisten seiner Bücher erst während der Perestrojka und nach dem Ende der Sowjetunion erschienen. ­Bisher kaum bekannt ist, dass Platonov auch ein ökologischer Prophet war. Anfang der 1920er Jahre war Platonov als Bewässerungsinge­nieur tätig und propagierte schon damals die Nutzung der Sonnenenergie. Eine ökologische Katastrophe lasse sich nur verhindern, wenn man fossile Brennstoffe durch erneuerbare Energien ersetze und der Mensch ein neues Bewusstsein erlange. Platonov hat die heutigen gewaltigen ökologischen Probleme vorausgesehen und ­erstaunlich aktuelle Ansätze zu ihrer Überwindung aufgezeigt.

16. Dezember 2015, 19 Uhr
Zum Jahresausklang

Von der Kuh im Propeller und andere Zwischenfällen.
Humoristische Geschichten von Michail Sostschenko und Daniil Charms.

Lesung am Samowar mit Antje und Michael Leetz

Sostschenko und Charms gehören zu den bekanntesten Satirikern der sowjetischen Literatur. Mit seinen Kurzgeschichten war Sostschenko in der Sowjetunion einer der populärsten Schriftsteller in den 1930er Jahren, während Charms mit seinen «paradoxen Zwischenfällen» als Klassiker der absurden Literatur zu Perestroika-Zeiten seine Auferstehung erlebte. Hören Sie bei Tee und Piroggen, wie eine Kuh in den Propeller gerät und warum auf einer Parteiversammlung eine Flasche Essig ausgetrunken wird.